02.12.01 Estudiantes de Mérida – Trujillanos de Valera


Habe mich heute mal entschlossen – angeregt von CJ - Euch ein bisschen ueber den Profi-Fussball in Venezuela zu berichten. Der Fussball ist in diesem Land nach Base- und Basketball nur an dritter Stelle in der Popularitaets-Skala. Allerdings hofft man nach den juengsten Erfolgen der Nationalmannschaft auf einen Aufschwung, auch hinsichtlich der Organisation der Copa America im eigenen Land 2005, sowie der kommenden Qualifikationsrunde fuer Deutschland 2006.
So richtig fussballbegeistert sind die Menschen eigentlich nur hier in der Andenregion (Naehe Kolumbien) und natuerlich auch die Angehoerigen der groessten auslaendischen Kolonien, also Spanier, Italiener und Portugiesen. Hier in den Anden kann ein Spitzenspiel durchaus mal 10 – 20 Tausend Zuschauer anziehen, was bei der Kapazitaet der meisten Stadien schon sehr viel ist.
Hier wird – nach argentinischem Vorbild – eine Eroeffnungs-Meisterschaft (torneo apertura) und eine Schluss-Meisterschaft (clausura) ausgespielt. Beide Titel sind in etwa gleich wertvoll, allerdings wird zwischen den beiden Gewinnern noch ein endgueltiger Titel in Hin- und Rueckspiel ausgespielt, welcher den Gesamtmeister der Saison kroent.
In meiner Heimatstadt Mérida ist der Estudiantes de Mérida FC mit gerade mal dreissig Jahren der aelteste und traditionsreichste Fussballclub des Landes. Groesster Erfolg war 1998 der Einzug ins Viertelfinale der Copa Libertadores (wie CL in Europa) wo man nach einem 3:0 Hinspielerfolg gg. eine Mannschaft aus Paraguay im Rueckspiel mit 0:4 ausschied.
Ich habe meinerseits einen Freundeskreis, mit dem wir immer zusammen auf der HT sitzen (Karte ca. DM 18, Kurve ca. DM 6). Es geht recht familiaer zu, wo man die meisten Nebensitzer immer mit Handschlag begruesst und fachsimpelt. (Vergleichbar mit der Atmosphaere auf der Waldau… :D ) Waehrend des Spiels ist es dann ueblich jeweils eine Runde Bier auszugeben, was einem der allseits gegenwaertige Polar-Verkauefer vereinfacht. :D
Estudiantes war vor dem Heimspiel am Sonntag punktgleich mit zwei anderen Teams Spitzenreiter. Die ca. 10.000 Zuschauer (das Stadion fasst 12.500 ca.) verfolgten ein spannendes Spiel, in dem Estudiantes zwei Rueckstaende aufholen konnte. Hoehepunkt war das herrliche Tor in der 70. Minute zum 3:2 Siegtreffer, der das Stadion Kopf stehen liess. Ein Konter mit einem langen Diagonalpass auf den rechten Fluegel wurde ohne Ballannahme direkt halbhoch als Flanke in den Strafraum gespielt, wo der erst 22jaehrige Torjaeger „El Budda" Torrealba mit einer Art Flugkopfball unter die Latte den Sieg sicher stellte. Der Treffer allein war das Eintrittsgeld wert. Den gelungenen Stadiobesuch rundeten wir noch mit einer abendlichen Grillparty ab.
Die zwei Verfolger Táchira und Monagas gewannen leider auch, so dass es wohl – vorrausgesetzt Estudiantes siegt am Sonntag beim Schlusslicht Galicia – zum grossen Showdown beim Heimspiel gg. Meisterschaftskonkurrent Monagas am letzten Spieltag in Mérida kommen wird. Ein Titelgewinn kaeme der direkten Qualifikation fuer einen Platz in der Qualifikationsrunde mit zwei mexikanischen Mannschaften fuer die Copa Libertadores gleich. Dann duerfte man hier wieder auf Fussball der Extraklasse mit Besuchen von Mannschaften wie River Plate, Boca Junios, Vasco da Gama, Nacional de Montevideo, etc. hoffen.
Uebrigens ist in venezolanischen Stadien der Alkoholkonsum erlaubt, von diesem Recht wird auch nachgiebig Gebrauch gemacht. Die Stimmung ist oft recht aufgeheizt, was sich nicht selten auf´s Spielfeld uebertraegt, und kaum ein Spiel kommt ohne Platzverweis(e) aus. Auch auf den Raengen und ausserhalb des Stadions kommt es leider oft zu wilden Boxereien zwischen den verschiedenen Fan-Gruppen. Die Behoerden scheinen mit diesem Phaenomen noch ziemlich ueberfordert zu sein.
Auch um das Abschiessen von Feuerwerkskoerpern jeglicher Art kuemmert sich keiner.
Unterm Strich ist ein sonntaeglicher Stadionbesuch also ein Sauspass fuer die ganze Familie…. ;)

Es gibt einige Parallelen zum VfB, die Vereinsfarben sind auch rot-weiss, Estudiantes werden die Rojiblancos genannt…. Daher auch mein Nick. Die Jugendarbeit kann man ohne Uebertreibung als die Beste im ganzen Land darstellen. Die U20 des Vereins ist amtierender Meister. (Hier gibt es noch eine Jugendkategorie fuer 19-20jaehrige).
In der Mannschaft spielen derzeit ca. 8 Eigengewaechse und der Verein hat auch diverse Nationalspieler heraus gebracht, die derzeit bei anderen Clubs unter Vertrag stehen. Es ist schwierig hier, einen finanzkraeftigen Sponsor zu finden und die finanzielle Situation des Clubs ist auch hier die Vorgabe und somit die Talentfoerderung quasi ein Muss. (Woher kennen wir das?)

Peter